USA: Nach der Abwahl von Donald Trump steigen die Chancen für eine Cannabis-Freigabe und die Aktien der Marihuana-Produzenten

Ein Kommentar von Sadhu van Hemp
Auch wenn es nicht jedem gefällt, aber die USA spielen nach wie vor die erste Geige unter den Großmächten. Diese Rangordnung ist unverrückbar – und wer aufbegehrt, läuft Gefahr, dass der US-Präsident seinen „Atomkoffer“ öffnet und den roten Knopf drückt. Die Welt tanzt nach US-amerikanischer Pfeife, selbst wenn die Töne noch so schräg sind. Bestes Beispiel ist die Cannabis-Prohibition, die Harry J. Anslinger in den 1930er-Jahren erfand und als Mitglied der Drogenkommission der Vereinten Nationen in den 1960er-Jahren der Welt überstülpte.
Doch nichts auf Erden dauert ewiglich. 2012 machte Colorado als erster Bundesstaat mit den Kiffern seinen Frieden – ungeachtet der Bundesgesetzgebung, die bis heute am Cannabis-Verbot festhält. Nachdem sich in den Folgejahren etliche andere Bundesstaaten locker machten und Cannabis als Medizin und/oder Genussmittel zuließen, war die Hoffnung groß, dass sich auch auf Bundesebene die Vernunft durchsetzen würde. Doch mit dem Wahlsieg der Republikaner 2016 trat ein Stillstand ein. Die Gefängnisse füllten sich weiter mit Hanfverbrechern und die Opiodkrise wurde zum Dauerzustand mit exponentiellem Wachstum. Die Trump-Regierung schaltete auf stur und führte die repressive Drogenpolitik wider besseren Wissens fort.
Doch nun werden die Karten neu gemischt. Die Republikaner haben die Wahl verloren und Donald Trump ist nach nur einer Legislaturperiode bereits wieder Geschichte. Und das ist auch gut so – auch für die Bemühungen, auf Bundesebene einen eleganten Weg aus der Cannabis-Prohibition zu finden. Zwar ist der kommende US-Präsident Joe Biden alles andere als ein ausgewiesener Freund der Hanfkultur, aber die Zeichen der Zeit wird auch der 77-jährige Ex-Vizepräsident unter Barack Obama nicht übersehen können. Das Thema „Cannabis-Legalisierung“ ist heiß, und das Biden-Team muss eine Antwort darauf finden, dass nun auch in vier weiteren Bundesstaaten bei den Präsidentschaftswahlen per Volksentscheid für die Freigabe von Cannabis zu Genusszwecken gestimmt wurde.
Die Erwartungen an die Regierung Biden-Harris sind hoch – und das nicht nur bei den Anhängern der Demokratischen Partei, sondern bei allen Bürgern, die ihre Finger nicht vom Hanf lassen können. Ob Kiffer, Homegrower, Großproduzent oder Börsenmakler – alle wittern Morgenluft und freuen sich auf einen entspannten Umgang mit der ältesten Kulturpflanze der Welt.
Insbesondere klingen die Worte der künftigen Vizepräsidentin Kamala Harris (56) nach, die im Wahlkampf entgegen ihrer eigenen Überzeugung ankündigte, den „Marihuana-Konsum entkriminalisieren zu wollen.“
Kein Wunder also, dass der Aktienmarkt nach der Bekanntgabe des Wahlsiegers kräftig in Bewegung kam. Die Kurse der großen börsennotierten Cannabis-Unternehmen steigen wieder – vergessen sind die letzten Monate, in denen die Wertpapiere zu Niedrigpreisen gehandelt wurden. Die Aurora-Aktie beispielsweise verzeichnete an nur einem Tag eine Wertsteigerung von bis zu 80 Prozent. Ob diese Euphorie anhält oder der Kurs nach kurzfristigen Gewinnmitnahmen wieder fällt, lässt sich nur schwer abschätzen.
Doch eines steht fest: Die Cannabis-Politik der Demokraten wird sich – so weit es geht – nach den Bedürfnissen des Kapitalmarktes orientieren und dabei auch den Konsumenten ein gehöriges Stück Freiheit bringen. Ein Stillstand in der Drogenpolitik wie unter Trump wird es in Bidens Amtszeit nicht geben.
So schön die Aussichten in Nordamerika auch sind, auf Deutschland wird die Anti-Prohibitions-Politik auf absehbare Zeit keine Auswirkungen haben. Die Deutschen haben es sich in den letzten fünfzig Jahren gemütlich gemacht im War on Drugs. Ganze Berufsgruppen vom Polizisten bis zum Seelenklempner leben vom einträglichen Geschäft der Kifferjagd. Selbst wenn es die Biden-Harris-Administration in den nächsten vier Jahren hinbekommt, die Cannabis-Konsumenten zu entkriminalisieren und über kontrollierte Abgabestellen zu versorgen, die deutsche Politik wird erst dann kapitulieren, wenn es wahltaktisch klug ist. Zudem ist in hiesigen Gefilden weit und breit keine Partei in Sicht, die über die Macht, den Mumm und den Willen verfügt, über lang dem Vorbild der transatlantischen Bündnispartner USA und Kanada zu folgen. Eher das Gegenteil steht zu befürchten, wenn die Sehnsucht der Deutschen nach einem autoritären Staat weiter wächst.