Cannabis trotz Corona

RAUSCHGIFTKONSUM IN EUROPA

Cannabis trotzt Corona

VON DANIEL DECKERSAKTUALISIERT AM 22.09.2020 – 16:22

Trotz Ausgangsbeschränkungen und geschlossener Clubs wurde auch während der Pandemie in Europa jede Menge Rauschgift konsumiert. Einige Auffälligkeiten weist der diesjährige Europäischen Drogenbericht dennoch aus.

Die Covid-19-Pandemie dürfte die Nachfrage nach Rauschgiften in Europa und das entsprechende Angebot nicht wesentlich verändert haben. Zwar liegen der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) Hinweise aus den ersten Monaten der europaweiten Einschränkungen des öffentlichen Lebens vor, wonach in der ersten Jahreshälfte vor allem der Gebrauch von Kokain und Ecstasy (MDMA) abgenommen haben dürfte. Das dürfte im Wesentlichen auf die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen zurückgehen, die mit dem Ausfall des Nachtlebens und der Erschwerung des Straßenhandels einhergingen.

Damit fehlte es zum einen an den typischen Orten und Gelegenheiten, bei denen Kokain und Ecstasy-Tabletten die Runde machen. Zudem dürfte die seit langem beobachtete Entwicklung hin zu einer Verlagerung des Rauschgifthandels von der Straße in das Internet noch nicht so dominant gewesen sein, dass sie den Effekt hätte kompensieren können. Nimmt man hinzu, dass Ausgangssperren in Spanien, Frankreich und Italien sowie in Großbritannien im Vergleich die rigorosesten in Europa waren, so liegt auch die Erklärung für den Rückgang des Kokaingebrauchs, wie er sich etwa bei der Analyse von Abwässern in kommunalen Kläranlagen zeigt, auf der Hand: In diesen vier Ländern ist der Gebrauch von Kokain in Europa am höchsten.

Opioide spielen kaum eine Rolle

Doch da die Sicherheitsbehörden 2018 und 2019 in Europa so viel Kokain sichergestellt haben wie lange nicht mehr, dürfte sich jetzt ein Phänomen wiederholen, das sich schon während und nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 gezeigt hatte: Nach einem Rückgang der Nachfrage nach Rauschgiften hatte sich das Angebot bald deutlich verbessert, etwa durch eine Erhöhung des Reinheitsgrades bei gleichzeitiger Preisstabilität. Auch die Nachfrage stieg bald wieder, wie ebenfalls aus dem am Dienstag vorgestellten Jahresbericht 2019 der EBDD hervorgeht.

In der Summe hat das dazu geführt, dass Kokain in Europa seit Jahren nach Cannabis und Heroin die zweithäufigste Droge bei den Patienten ist, die wegen Rauschgiftnotfällen in Krankenhäusern behandelt werden. Auch das Drogenhilfesystem wird von Kokaingebrauchern stark in Anspruch genommen. Dabei ist der typische Patient männlich und nimmt Kokain seit fast zehn Jahren. Er hat inzwischen insoweit die Kontrolle über den Gebrauch verloren, als er täglich oder fast täglich zu dem Stoff greift. Kokain ist längst auch bei Todesfällen im Zusammenhang mit Rauschgiftgebrauch eine signifikante Größe. Deren Gesamtzahl wurde für das Jahr 2019 mit etwa 8300 angegeben. Allerdings ist das Dunkelfeld sehr groß.

Hochpotente und -toxische Opioide beziehungsweise verschreibungspflichtige Schmerzmittel, die in den Vereinigten Staaten von Amerika seit Jahren die häufigste Todesursache bei Bürgern im Alter bis zu 50 Jahren sind, spielen auf dem europäischen Markt bislang kaum eine Rolle. Als überaus robust erwies sich indes auch in Corona-Zeiten der Cannabis-Markt. Zu ernsthaften Einschränkungen der Verfügbarkeit scheint es nicht gekommen zu sein, wird doch ein nicht unerheblicher Teil des Cannabiskrauts (Marihuana), aber auch des Cannabisharzes (Haschisch) in Europa selbst erzeugt.

Neue Therapieformen getestet

Welche Belastungen für die Gesundheitssysteme vieler Länder schon unter gewöhnlichen Umständen mit dem Cannabisgebrauch einhergehen, belegen Angaben wie diese, dass etwa ein Prozent aller Erwachsenen in der EU täglich oder fast täglich Cannabis gebrauchen. Mittlerweile reichen schon geringe Mengen aus, um einen Rauschzustand (oder unerwünschte Nebenwirkungen wie Psychosen) zu erzeugen, weil sich der durchschnittliche Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC) des psychoaktiven Wirkstoffes der Cannabis-sativa-Pflanze in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt hat. Fast 80.000 Personen haben 2018 wegen Cannabis-Problemen erstmals psychologische und oder medizinische Hilfe in Anspruch genommen.

Ob diese Zahl in diesem Jahr wieder erreicht wird, ist schwer vorherzusagen. Einerseits war das reguläre Drogenhilfesystem über Monate hinweg kaum oder schwerer zugänglich. Andererseits ist anekdotisch davon die Rede, dass in der Corona-Krise neue, internetbasierte Therapieformen getestet wurden. Hinsichtlich der Gebrauchsmuster heißt es aber, allenfalls Gelegenheitsgebraucher hätten während des Lockdowns ihren Komsum reduziert – eher sei der Verbrauch wohl gesteigert worden, um die Langeweile zu vertreiben oder Angstzustände zu überwinden. Im Internet habe man beobachtet, dass in Suchmaschinen vermehrt Schlagworte wie „Cannabis anbauen“ und „Cannabis Lieferdienste“ eingegeben worden seien.

Quelle

Dieses Fenster schließen!