Legalisiert Ampel-Koalition Cannabis? Pro und Contra der Freigabe

Ein Licht am Horizont für Befürworter der Cannabis-Legalisierung. FDP und Grüne sind schon dafür, nun werden auch in der SPD Stimmen laut, die Marihuana entkriminalisieren wollen. Das Für und Wider in der Diskussion fasst finanzen.de zusammen.

Kehrtwende bei der SPD: Warum könnte Cannabis plötzlich legalisiert werden?

Bei Grünen und FDP ist schon seit längerem bekannt, dass sie für die Hanf-Freigabe sind. Weitere Diskussionen rund um eine Legalisierung verstummten in der Vergangenheit jedoch schnell, da weder SPD noch Union dafür waren. Doch nun plädiert der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach für eine Aufnahme der Legalisierung in den vielleicht bald feststehenden Koalitionsvertrag. Im Gespräch mit der Rheinischen Post erklärt er die Gründe für seinen Sinneswandel: „Immer häufiger wird dem illegal verkauften Straßen-Cannabis neuartiges Heroin beigemischt, das sich rauchen lässt. Damit werden Cannabis-Konsumenten schnell in eine Heroin-Abhängigkeit getrieben.”

Obwohl er die Legalisierung bisher stets abgelehnt hat, kommt der Mediziner aufgrund dieses neuen Phänomens nun zu „einem anderen Schluss”. Die legale und kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene könnte Konsumenten vor den Nebenwirkungen verunreinigter Substanzen schützen.

Wie könnte der Verkauf von Cannabis erfolgen?

Grüne und FDP sprechen sich für einen Verkauf in sogenannten „lizenzierten Fachgeschäften” aus. Doch es gibt auch Gegenstimmen zu dieser Idee. So könnte der Verkauf durch Apotheken geeigneter sein, da diese ein vielfältiges Sortiment verschiedenster Arzneimittel haben und so weniger kommerzielles Interesse speziell am Verkauf von Cannabis haben als eigens dafür geschaffene Fachgeschäfte. Auch das pharmakologische Wissen der Apotheker wäre beispielsweise in Fragen der Dosierung nützlich.

Von Seiten der SPD legt man zudem darauf Wert, dass die Abgabe von Cannabis ausdrücklich nur „reguliert” an Erwachsene erfolgt, beispielsweise im Rahmen eines begleitenden Beratungsangebotes.

Welche Vorteile brächte die Legalisierung von Cannabis?

FDP und Grüne sehen in der Legalisierung und somit „Entkriminalisierung” eine Möglichkeit, die Polizei und Justiz zu entlasten. Aus gleichem Grund befürwortet auch der Berliner Jugendrichter Andreas Müller die Freigabe. Er plädiert im Interview mit ZDFheute: „Es wird Zeit, dass wir endlich einen anderen Weg einschlagen. Zum Schutz der Jugend, zum Schutz der Menschen, die weiter verfolgt werden, wenn wir es nicht machen. Und wenn man berücksichtigt, dass wir seit Beginn der 70er-Jahre weit über 500.000 Menschen alleine wegen Freiheitsstrafen in Knäste gepackt haben, dann frag ich mich, warum diese Prohibition irgendeinen Sinn gemacht haben soll. Und deswegen kämpfe ich für die Freigabe mit vielen, vielen anderen in der Bundesrepublik Deutschland.”

Durch eine kontrollierte staatliche Abgabe würde zudem auch der Schwarzmarkt geschwächt. Mehr Konsumenten würden ihr Cannabis an offizieller Stelle erwerben, um ein sicheres Produkt zu erhalten, so die Annahme. Die Liberalen rechnen deshalb mit bis zu einer Milliarde Euro Steuereinnahmen durch die Legalisierung. Dieses Geld könnte unter anderem in Suchtpräventions- und Beratungsangebote gesteckt werden.

Mehr Steuern wären auch zu erwarten, da die Cannabis-Legalisierung ein neues Feld sozialversicherungspflichtiger Jobs schaffen würde. Besonders die jungen Liberalen fordern „große Reformen, die weit über die Legalisierung von Cannabis hinausgehen”, wie ihr Chef Jens Teutrine gegenüber der Rheinischen Post erklärt.

Was spricht gegen die Freigabe von Marihuana?

Vonseiten der CDU und auch der Polizeigewerkschaften wird jedoch vor der Freigabe gewarnt. Das Gesundheitsministerium unter Jens Spahn (CDU) sprach sich nach Lauterbachs Äußerungen gegen eine Legalisierung aus – abgesehen von einigen wenigen medizinisch besonders notwendigen Fällen. Oliver Malchow, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, warnt davor neben Alkohol noch eine weitere legale, aber „gefährliche und oft verharmloste” Droge einzuführen. Er befürchtet, dass Cannabis bei Legalisierung noch mehr zur Einstiegsdroge für Jugendliche wird. Zudem prophezeit er die Zunahme von Verkehrsunfällen.

Auch einige Mediziner haben Einwände. Suchtmediziner Rainer Thomasius vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf erklärt gegenüber dem ZDF, dass er mit einer Zunahme der Konsumenten rechnet, sollte das Mittel legalisiert werden. Die Kriminalisierung hat laut seiner Ansicht auch dabei geholfen, „die regelmäßigen Konsumenten auf einem sehr niedrigen Niveau” zu halten. „Etwa 1,5 Prozent der deutschen Bevölkerung konsumiert regelmäßig”, so der Suchtmediziner. Andere Studien gehen hier von deutlich höheren Zahlen aus.

Thomasius befürchtet, dass die Hanf-Legalisierung Haus und Hof für die nächste Welle Suchtkranker öffne: „1,8 Millionen Alkoholabhängige in Deutschland, ein Drittel rauchende Bevölkerung verursachen Schaden genug: Wir sollten nicht noch eine große Population von Cannabis-Abhängigen erzeugen.” Auch eine Entschärfung des Schwarzmarktes sieht er nicht als dienende Begründung, diese Idee sei schon in den USA nicht aufgegangen. Stattdessen würde die neue Konkurrenz Schwarzhändler zur Entwicklung immer stärkerer Cannabis-Stoffe anregen, um so Käufer zu gewinnen.

Ist Cannabis gesund?

Bereits 200 bis 300 vor Christi wurde Hanf als Heilpflanze in Schriften genannt. Einsatz fand es gegen allerlei Leiden wie Rheuma oder Malaria, auch im Allgemeinen zur Schmerzlinderung.

Problematisch ist der Cannabiskonsum nach relativ vorherrschender Meinung der Mediziner zumindest im Jugendalter, wenn das Gehirn noch nicht abschließend ausgebildet ist. Das heißt bis zum 25. Lebensjahr kann die Einnahme schädlich sein, da die Hirnentwicklung durch THC nachweislich negativ beeinflusst wird. Dazu, ob Nebenwirkungen wie Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen reversibel sind, ist die Studienlage uneinig.

Für Erwachsene ist Cannabis in Deutschland seit 2017 eine zugelassene Behandlungsmethode als Schmerzmittel, wenn keine andere Behandlung möglich ist.

So lindert Cannabis beispielsweise die Muskelkrämpfe einiger Multipler-Sklerose-Patienten. Auch in Folge einer Chemotherapie wird Cannabis häufig als natürliches Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen eingesetzt. Die Verabreichung im arzneilichen Kontext erfolgt meist oral, beispielsweise in Form von Tabletten, und nicht Form von Rauch.

Fakt ist, dass Cannabis weniger tödlich ist als beispielsweise Alkohol – eine Droge, die in unserem Kulturkreis weitaus mehr Akzeptanz genießt. Dennoch sind Nebenwirkungen wie die Beeinträchtigung der Informationsverarbeitung im Gehirn, das Risiko der Verschlimmerung psychischer Krankheiten oder die Entwicklung einer psychischen Abhängigkeit nicht zu vernachlässigen. Insgesamt fordern Experten und Mediziner gleichermaßen nach einer Verbesserung der Studienlage zu Chancen und Risiken der Anwendung von Cannabis im gesundheitlichen Kontext.

Quelle

Total Page Visits: 47 - Today Page Visits: 1

Dieses Fenster schließen!

Translate »